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Donnerstag, 22. August 2013

The Grateful Dead At Woodstock

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Jerry Garcias Auftritt im Woodstock-Film
The Grateful Dead sind das Vorzeigemodell einer Hippieband. Ihr Leben in einer Kommune, ihre legendären Gratiskonzerte und nicht zuletzt ihr Drogenkonsum und die daraus resultierende Musik. Für viele sind die Dead die beste Improvisationsband aller Zeiten, verstanden sie es doch, ihre Songs auf der Bühne in schier unglaubliche Längen zu ziehen. So konnten beispielsweise ihre live performten Songs länger als ein gesamtes Studioalbum sein.
Die Magie, die sie "in concert" ausstrahlten, machte sie bald zum lebenden Mythos mit den treuesten Fans ("Deadheads") aller Zeiten, die quer durch die Welt ihren Shows folgten.

Ihr Auftritt beim Woodstock Music And Arts Fair hätte ein Meilenstein der Live-Musik werden können, doch blieben die Aufnahmen wegen technischer Probleme und negativer Äußerungen des Frontmanns Garcia bezüglich der Qualität des Sets jahrzehntelang unter Verschluss. Auch der Auftritt im Film blieb aus, obwohl man Garcia als Zuschauer sehen kann. Doch dank dem Internet, einer treuen Fanbase und freien Bootlegs kann nun jeder dem Konzert lauschen.

Die Seite www.deadlists.com bietet hunderte Konzertbootlegs zum unentgeldlichen Hören an, darunter natürlich auch jenen vom 16. August 1969 auf einer Farm in Bethel. Diese Aufnahmen sowie einige Videos sind die Grundlage für diese Analyse.

  1. St. Stephen
  2. Mama Tried
  3. Dark Star
  4. High Time
  5. Turn On Your Lovelight
Jerry Garcia - guitar, vocals
Bob Weir - guitar, vocals
Bill Kreutzmann - drums and percussion
Mickey Hart - drums and percussion
Ron "Pigpen" McKernan - keyboards, harmonica, congas, vocals
Tom Constanten - keyboards, vocals
Phil Lesh - bass
The Grateful Dead betreten die Bühne um 22:30 am Samstag, dem zweiten Tag des Festivals. Durch den ständigen Regen hatte es schon einige technische Probleme bei den vorhergehenden Künstlern gegeben, und auch sie blieben nicht verschont. In der Intro thematisiert Jerry Garcia für die wartenden Zuseher diese Probleme, es folgt eine Ansage bezüglich "Food-Situation" ("Essen gibt's oben am Hügel!") und "Bus-Situation" ("Stündlich Busse, ey!"). Daraufhin Garcia:
"The greatest fear has always been you know that the country of the people, by the people and for the people has to be protected from the people. You turn this whole thing over to the people and you know what's gonna happen...", dann reisst die Aufnahme ab und beginnt wieder bei der Ansage, man solle sich wieder setzen, es würden kurze Soundtests gemacht werden. Schon vor Beginn müssen die Dead also gegen technische Widrigkeiten ankämpfen, nahezu befreiend trifft dann die letzte Ansage auf die darauffolgende Applauswand es Publikums:
"One of the best fucking Rock-groups in the world: The Grateful Dead!"

 

St. Stephen (Video oben, falls es nicht angezeugt wird, hier klicken für den Direktlink) eröffnet den Set. Den Anfang des Titels hatten die Dead schon längst perfektioniert, für eine kurze Zeit sind alle technical difficulties vergessen. Doch schon stört starkes Feedback, und nach 2 Minuten enden alle verfügbaren Aufnahmen. Es ist unklar, ob bzw. wie lange der Track noch gespielt wurde, angeblich musste er vorzeitig wegen Monitor-Problemen beendet werden.
Ein denkbar schlechter Start, dennoch zeigt er, dass die Band selbst nicht schlecht spielt, ganz im Gegenteil. St. Stephen klingt stellenweise so virtuos wie sonst kaum. 


Es ist unklar, wie viel der Aufnahme verloren ging - angeblich soll Bob Weir (der 2. Gitarrist) in der Zwischenzeit einen Stormschlag durch sein Mikro bekommen haben - jedenfalls beginnt sie wieder bei

 

Mama Tried (Video oben, Direktlink). Und siehe da, nun ist es der Band vergönnt, ganz ohne Probleme einen ihrer schönsten Songs zu spielen. Man sucht lange, wenn man die Archive nach Konzerten durchsucht, bei denen der Titel "besser" klingt. Garcias Gitarre akzentuiert an den perfekten Stellen, Weir singt einfühlsam und die Percussion-Sektion Kreutzmann-Hart-"Pigpen" gibt mit Lesh' Bass ihr Äußerstes und Constantens Keyboard komplettiert eine fantastische Performance.


Offenbar war die Darbietung zu gut, sodass das Universum wieder dazwischenfunken musste: Mehr als 10 Minuten wird es dauern, bis wieder gespielt werden kann. Erst wird High Time kurz angespielt, dann fragt Garcia in einer eigenartig anmutenden Tonlage
"You want it louuuder?"
Während er ein wenig Smalltalk betreibt sowie über Soundprobleme und erschwerte Anreisebedingungen scherzt, hört man förmlich das Versagen aller Soundtechniker. Danach folgt das endgültige Eingeständnis ("... we overloaded everything..."). Plötzlich erscheint Country Joe McDonald vor dem Mikrophon und gibt den legendären Green Acid Advice. Danach wird äußerst amüsant die Lautstärke reguliert. Garcia gibt noch ein paar Worte von sich, bis endlich mit

Garcia, Kreutzmann (hinten), Weir und Hart
Dark Star die Show fortgeführt wird. Es soll das Warten wert gewesen, denn nun folgen 20 Minuten psychedelischer Orgasmen. Jeder einzelne ist in seinem Element, als Weir die beginnenden Akkorde spielt, sofort fällt die gesamte Band in den Song. Langsam bauen sie den Song auf, führen ein Wechselspiel as harmonischen und unharmonischen Tonfolgen, welches man nur mit "insane" kategorisieren kann. Gänsehaut ist Pflicht, wenn Garcia beginnt, die wenigen Lyrics des Stücks in sein Mikrophon zu flüstern.
Es ist eine der besten Darbietungen des "dunklen Sterns" aller Zeiten, man möge sich vorstellen, zu diesen Sounds samtagabends in der gigantischen Woodstock-Menge zu trippen. Die Tempowechsel, Höhen und Tiefen der Klagreise scheinen von einer anderen Welt zu kommen. Lustig: Das selten auftretende Feedback klingt nun beinahe so, als gehöre es zum Song, zumal die Band, man könnte sagen, darauf "eingeht" und die diese kleinen technischen Probleme musikalisch ummalt.
Spätestens nach dieser Darbietung kann niemand mehr behaupten, dieser Auftritt wäre nicht gut gewesen. Man spürt förmlich die "vibes" Woodstocks in ihr. Ganz ohne Unterbrechung fließt Dark Star in

 

High Time (Video oben, Direktlink) über. Der Übergang zwischen den beiden Titeln ist unglaublich, gegensätzlicher könnten sie nicht sein. Auf einmal untermalen sanfte Töne den mehrstimmigen Gesang der Band, die zuvor noch quer durch den Kosmos spielte. Eine wundervolle Darbietung, die vor allem einen guten Eindruck der Vielfältigkeit der Band macht.

Es folgt der letzte Song des Sets, der allerdings länger als all seine Vorgänger ist. Zusammen.

Turn On Your Lovelight (Video oben, Direktlink, tw. gekürzt, geg. Ende asynchron). Meines Erachtens eine der epischsten Performances Woodstocks, spielen sich die Bandmember fast ihre Finger wund.
Doch alles der Reihe nach: Denn als der Song beginnt, weist die erste Kamera-Einstellung auf keinen Member von The Grateful Dead, sondern... auf irgendeinen Typen. Dieser singt eine improvisierte Intro über "the third coast" sowie "the greatest freshwater reservoire in the world". Auch als Pigpen (the one with the hat) zu singen beginnt, lässt er es sich nicht nehmen, auf der Bühne zu bleiben, und immer mal wieder etwas von sich zu geben, was hauptsächlich einige weitere, recht zusammenhanglose Aussagen sind, sowie einige "Woooooooah!"s. 
Die Band lässt sich nicht stören und spielt das orgastische Stück in einzigartiger Manier. Pigpen ist, wie bei diesem Titel üblich, Leitfigur, dirigiert mit Gesang und Bewegungen sein "Orchester". Garcia spielt die meiste Zeit in seinem eigenen Universum, Weir hingegen bildet mit Lesh und Constanten eine tonale Unterlage für die beiden "Lead-Stimmen". All das ereigent sich auf der Basis der beiden Drummer, die den unendlichen Rhythmus halten und ausschmücken, ohne herauszufallen.
Kreutzmann meinte einmal treffend, er würde tanzen, wenn er an den Drums spiele.
Es ist der Gipfel der Improvisationskunst, den die Dead hier veranstalten. Die hypnotischen Sounds des Lovelights ziehen über Hunderttausende hinweg, die Bühne tanzt kollektiv, jeder ist in seinem Element. Es ist meinem persönlichen Empfinden nach die beste Performance dieses Titels aller Zeiten. Die Dead nehmen sich alle Zeit, um den Titel in alle Richtungen zu lenken, laut, leise, schnell, langsam, intensiv, locker, tonal, atonal, ... Soli ohne Ende. Ständig wird der Song "umgebaut", jede Minute klingt er anders.
Besonders der Mittelteil ist sehr experimentell und frei, bevor er sich kurzfristig stark intensiviert. Pigpen macht die ikonische Ansage an das Publikum: "Just touch somebody that looks good to you, and baby, if you get touched, you just touch right back and have a good old time."
Dann singen schier endlos lange Pigpen und Weir mit- und gegeneinander.
"Shine on me..."
Immer stärker wird der Rhythmus, immer intensiver die Melodie. Das Publikum klatscht in Takt, die Dead steigern immer mehr. Orgastisch endet der Songs kurz, bevor die Coda mit den Anfangsakkorden eingeleitet wird, dazu allumfassender Applaus. Der erste Verstärker explodiert im Hintergrund, unbeeindruckt als wäre nichts gewesen spielt die Band weiter. Jeder spielt in seinem Element, ist ganz sein Instrument. Kurz vor Ende steigt der Sound in eine epische rhythmische Höhe, bevor ausgeschmückt die Schlussakkorde ertönen. Im Video ist zu sehen, wie Mickey Hart von der Bühne flüchten muss, da gerade der nächste Verstärker direkt neben ihm explodiert ist. Pigpen und Weir sehen kurz verwirrt nach hinten, Kreutzmann und vor allem Garcia vollbringen in Seelenruhe eines der ausgedehntesten Enden aller Zeiten, unbeindruckt von den technischen Widrigkeiten.
Turn On Your Lovelight geht so sanft zu Ende, wie es begonnen hat. Die Band wird unter tosendem Applaus verabschiedet.

Fazit: Es gab ohne Frage die einen oder anderen Probleme, doch insgesamt liegt hier ein genialer Auftritt der Band vor. Von vorne bis hinten hörenswert, und natürlich historisch. Eigene Meinungen sind in den Kommentaren gerne gesehen.


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